Nennen Sie es, wie Sie wollen: Onychomykose oder Tinea unguium. Die
Sache ist lästig und langwierig. In keinem Fall heilt Nagelpilz von
alleine.
Für Orthopädieschuhechnik 9/2005-11-12
Mundfaulheit, Ignoranz und Nihilismus unterstützen die Verbreitung
einer Volkskrankheit
Mein Lebenspartner hat Nagelpilz. "Was kann ich tun, um mich zu schützen?"
fragte ich meine Apothekerin. "Verlassen sie ihn." Strahlte
sie mich an. Eigentlich mag ich ihren Humor. Dieses Mal konnte ich über
die Antwort überhaupt nicht lachen.
Nennen Sie es, wie Sie wollen: Onychomykose oder Tinea unguium. Die Sache
ist lästig und langwierig. In keinem Fall heilt Nagelpilz von alleine.
Ich will den Mann behalten. An seinem Nagelpilz bin ich aber überhaupt
nicht interessiert. Also begannen wir zu recherchieren: Fast täglich
sahen wir die Zahl der Anzeigen auf den Google-Seiten steigen. Die Hersteller
von Medikamenten, von Lacken und Gels gegen Nagelpilz sind effektiv und
aktiv. Ärzte und Betroffene treten vorwiegend auf der Stelle. Viele
von ihnen vergeben sogar täglich Land.
Resignation und Uninformiertheit
"Sag mal, Schatz, ist eigentlich festgestellt worden, welche Sorte
von Nagelpilz du hast?" - "Nee, warum?" - "Na, weil
nur nach einer effektiven Diagnostik richtig behandelt werden kann, gerade
bei Onychomykosen." - "Aha." ... Ohne Pilzuntersuchung
kann die Diagnose Onychomykose gar nicht erst mit hinreichender Sicherheit
gestellt werden. Gar nicht zu reden von einer effektiven Behandlung ohne
genaue Diagnose. Das hatte ich auf der Homepage der Deutschen Mykose-Gesellschaft
erfahren. Dennoch: Zu viele Menschen bekommen ihre Diagnose vom Draufschauen.
- "Das ist ein Nagelpilz. Da ist nichts zu machen." - und: "An
den Nagelpilz Präparaten profitieren doch nur die Hersteller",
meinen immer noch viele Menschen und streuen ihren Pilz vergnügt
durch Teppiche, Saunen, Schwimmbäder, Schuhläden und Schlafzimmer.
Immer schneller verbreitet
Wer Nagelpilz zu einem lästigen kosmetischen Problem machen will,
der irrt. Denn: Schöne Füße sind nicht nur eine Frage
der Optik, sondern auch der Gesundheit. Bei Nagelpilz handelt es sich
um eine Infektionskrankheit, die konsequent behandelt werden muss. Sie
könnte sonst üble Infektionen zur Folge haben. Mehr als 12 %
der deutschen Bevölkerung leiden unter Nagelpilz. Und weil er häufig
nicht oder unkonsequent behandelt wird, werden es täglich mehr.
Mehr als 25 Millionen Bundesbürger treiben Sport und dabei auch
PingPong mit Nagel-, Fuß- und Hautpilz.
Unerwartete Folgen
"Wenn man an Hefe- oder Schimmelpilze denkt, an denen die Menschen
auf den Intensivstationen sterben, dann sind Dermatophyten bei weitem
nicht so gefährlich.
Die klassischen Fuß- und Nagelpilzerreger sind ganz sicher nicht
lebensbedrohlich, aber sie sind die Grundlage für weitere Infektionen.
Kleine Wunden, kleine nässende Stellen sind dann Eintrittspforten
für andere Erreger. Wenn die Abwehr geschwächt ist, dann können
die Pilze sich ausbreiten." Erklärt Dr. Gertraud Kremer, niedergelassene
Dermatologin in Berlin. Und sie fügt hinzu: "Häufig kann
ein Nagelpilz aus einer Mischform von Pilzen bestehen. Diagnostik ist
daher besonders wichtig, um effektiv behandeln, aber auch um Tumore und
andere Krankheitsbilder ausschließen zu können."
Dr. Kremer berichtet weiter: "Wir bekommen viele Patienten von orthopädischen
Chirurgen, die nicht bereit sind zu operieren, wenn jemand eine Fuß-
oder Nagelpilzerkrankung hat. Denn: Gerade Knochenchirurgie muss hoch
aseptisch sein." Für den Menschen, der eine Endoprothese brauchen
würde, ist eine Absage verheerend.
Gedankenlosigkeit sorgt für Verbreitung
" In meiner Jugend wurde nicht darauf geachtet, mein Nagelpilz ist
wenig aggressiv, ich habe zur Zeit wesentliche andere Probleme. Der Nagelpilz
ist später dran." Sagt eine Betroffene. Und sie hat genau die
Strategie, mit der Nagelpilz verschleppt wird. Er bekommt Raum, sich an
seinem Wirt auszubreiten, und dann wird er in dessen Haushalt und Umgebung
heftig gestreut.
Da bringt eine Mutter ihren Kindern bei, die Füße besonders
gut abzutrocknen und immer gut einzucremen. Sie wusste, warum. 40 Jahre
später stellt der Sohn fest: "Unser Vater war Leistungssportler.
Er hatte offenbar damals schon Nagelpilz." Erfahren hat er das aber
erst, als der Vater zufällig an den Füßen seines Sohnes
erste Spuren von Pilz bemerkte.
Wo die Sporen lauern
Sich heute einen Pilz einzufangen ist einfach, besonders, wenn man gerne
und viel Sport treibt. Ob Skischuh, Schlittschuh oder Bowlingschuh - in
welchen Schuhen ansteckende Pilzerreger lauern, hat im Januar das
RTL-Magazin "EXTRA" in der ersten wissenschaftlichen Untersuchung
von Leihschuhen auf Krankheitserreger getestet. Insgesamt wurden 61 Proben
von 14 Leihstationen entnommen: darunter zwei Skihallen, sechs
Ski-Verleih-Geschäfte, drei Bowlingcenter sowie drei
Schlittschuhhallen.
Das Ergebnis: Nahezu alle Proben sind stark bakteriell kontaminiert.
Von den 14 getesteten Geschäften
fanden sich in acht der Proben Fußpilzerreger. In drei der acht
Leihstationen wurde zusätzlich der so genannte Candida Albicans gefunden,
ein Haut- und Vaginalpilz, der die Haut überall befallen kann Fachlich
begleitet wurde der "EXTRA"-Test von Herrn Prof. Hans- Jürgen
Tietz, Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie und
Leiter des Instituts für Pilzkrankheiten in Berlin. Er berichtet:
"Inzwischen haben wir auch Schuhgeschäfte untersucht."
Das Resultat ist nicht weniger verblüffend: "Zwei von drei Paar
Schuhen sind derzeit verpilzt. Schuld sind gedankenlose Barfußprobierer,"
war im Juli bei RTL zu hören. Wo das Verkaufspersonal nicht mit Argusaugen
darüber wacht, dass die Kundschaft die Ware nicht barfüßig
anprobiert, haben Keime ein leichtes Spiel.
Die Rechenaufgabe
Fuß- und Nagelpilz gehören zu den häufigsten Infektionskrankheiten
des Menschen, und sie bekommen von uns alle Chancen, sich zur Volkskrankheit
auszuwachsen. Fast jeder dritte Bundesbürger ist von einer Pilzinfektion
der Füße betroffen. Oft genug entwickelt sich die Nagelpilzinfektion
aus einem Fußpilz. Rund zehn Millionen Menschen in Deutschland haben
einen Nagelpilz. Darüber reden tun die Wenigsten. Nicht selten werden
die Symptome von den Betroffenen verkannt, ignoriert oder aus Schamgefühl
verschwiegen. Das hat zur Folge, dass nur jeder dritte bis zehnte Patient
effektiv behandelt wird.
Nagelpilzinfektionen erfordern eine sehr langwierige Behandlung, die
bis zu einigen Monaten andauern kann, weil das Pilzmittel so lange angewendet
oder eingenommen werden muss, bis der gesunde Nagel komplett nachgewachsen
ist. Es ist wichtig, dass die Patienten darüber in Kenntnis gesetzt
werden, damit sie während der Behandlung nicht die Geduld verlieren
und die Behandlung vorzeitig abbrechen.
Durchhalten ist angesagt
Ein Zehennagel wächst pro Monat 1 mm und weil er ca. 1,5 bis 2 cm
lang ist, braucht er 1 bis 2 Jahre, um ganz neu nachzuwachsen.
Nach 1 Jahr kontinuierlich-konsequenter, effektiver Behandlung weiß
der Patient relativ sicher, dass der Nagel nicht mehr befallen ist. Noch
ein weiteres Jahr sollte, wer ein Rezidiv vermeiden will, präventiv
konsequent bei der Behandlung bleiben. "Mindestens zwei Jahre!",
rechnet verzweifelt eine Betroffene. Und sie bemerkt sachlich: "Dafür
fehlt mir die Ausdauer." Damit ist sie zweifellos in guter Gesellschaft
der meisten Menschen.
Je älter, desto häufiger befallen
Immer mehr Kinder und Jugendliche sind inzwischen betroffen. Aber ihre
Großeltern haben den Fuß- und Nagelpilz verbreitet.
Und bei der Generation, die im Krieg aufgewachsen ist, trifft der Pilz
in Deutschland zusätzlich auf einen besonders interessanten Nährboden.
Menschen - besonders Männer - über 60 Jahre haben in Deutschland
zuallererst das Schweigen über Problemsituationen gelernt (8). Besonders
Frauen im Alter über 50 Jahre haben erfahrungsgemäß oft
auch noch die Schwierigkeit, ihre veränderten Füße anderen
Menschen zu zeigen. Sie schämen sich, wenn ihre Füße nicht
mehr dem Idealbild entsprechen. Das heißt: Sie haben gelernt, Probleme
nicht anzusprechen und die Füße zu verstecken.
Pilzsporen sind Überlebenskünstler
Zwei Jahre lang können Sporen von Nagelpilzen überleben. "Sie
sind überhaupt sehr umwelt-resistent", berichtet Prof. Tietz.
"Der wichtigste Erreger heißt Trichophyton Rubrum. Er wurde
1911 auf Ceylon entdeckt. Nach dem 2. Weltkrieg hat er die ganze Welt
besiedelt. Das kann überhaupt nur ein Erreger, der mit seinen Sporen,
die sehr resistent ist gegenüber Temperaturen zwischen Minus 20 und
plus 80 Grad, aber auch gegenüber UV-Strahlung." Man weiß
also heute genau, womit man es zu tun hat.
Bestens erforscht
Viel Neues scheint es auf diesem Sektor auch nicht zu geben: Zwei bis
drei Jahresabstände reichen völlig aus, um die Leitlinien zur
Onychomykose-Behandlung auf dem Laufenden zu halten. Die Information der
Universität Düsseldorf (1) und der Deutschsprachigen Mykologischen
Gesellschaft (1) wurde im Januar 1997 erstellt. Die letzte Überarbeitung
vom November 2000 wurde im April 2002 ergänzt. Die nächste Überprüfung
ist für Silvester 2005 geplant.
"Es ist ja eigentlich schon alles getan", bemerkt Prof. Hans-Jürgen
Tietz dazu. "Es gibt keine neuen Krankheitserreger mehr und die Therapiekonzepte
sind auch klar. Sie müssen jetzt nur noch verbreitet und begriffen
werden. Die Leitlinien zur Onychomykosen-Behandlung (1) sind wichtig,
denn sie unterstreichen die Wichtigkeit des Podologen bei Fuß- und
Nagelpilz."
Aber: Sobald man anfängt zu recherchieren, bekommt man Tausend verwirrende,
äußerst unterschiedliche Aussagen.
Was ist zu tun? -Was wird getan?
Während wir größere und wichtigere Probleme bearbeiten,
greifen Fuß- und Nagelpilz in aller Ruhe Raum. Podologen und Dermatologen
sind die Dreh- und Angelpunkte für Diagnose, Behandlung und für
die Information der Patienten. Die Leitlinien der Onychomykose-Behandlung
(1) geben wertvolle Hinweise zur Behandlung. Leider enthalten sie kaum
Hinweise auf flankierende Maßnahmen, Desinfektion und Prävention.
Völlig vermisst man dort völlig Hinweise für den Schutz
der Mitmenschen. Die sind eher bei den Herstellern, Interessens- und Selbsthilfegruppen
(5+6) zu finden. Einen interessanten Vergleich der gängigen Medikamente
liefert die Stiftung Warentest (7).
Mit seiner Aktion "Schöne und gesunde Füße"
hat der Berufsverbands der Deutschen Dermatologen (2) im letzten Jahr
die Öffentlichkeit informiert. Beteiligt an der Aktion waren etwa
5.000 Apotheken, zahlreiche Dermatologen und erstmals auch Podologen und
Fußpfleger.
Die beste und umfassendste Aufstellung zu flankierenden Maßnahmen
geben Susanne Ahrndt in Podologie 7/2005 und www.lifeline.de.
Wo der Bereich des Dermatologen endet, kommt den Podologen und Fußpflegern
die wichtige Aufgabe zu, ihre Klienten umfassend zu beraten, ihnen Mut
zur konsequenten Behandlung zu machen, und sie über ihre Verantwortung
ihrer Familie und ihrer Umgebung gegenüber zu informieren.
Gabriele Heyd, freie Fach-Journalistin, Reutlingen
10.838 Anschläge
Internet (1) Deutschsprachige Mykologische Gesellschaft
Essen
www.dmykg.de
(1) Leitlinien der Onychomykose-Behandlung:
http://www.uni-duesseldorf.de/AWMF/ll/013-003.htmund http://www.dmykg.de/start2.html
(2) Berufsverband Deutscher Dermatologen e. V. (BVDD)ÄrztehausHofstraße
597070 WürzburgTel. : 0931/3534733Fax : 0931/3534735Email: 09313534733@t-online.dehttp://www.derminform.deDeutsche
Dermatologische GesellschaftHauptstraße 779104 Freiburghttp://www.derma.de
(3) Prof. Dr. Hans-Jürgen Tietz, Berlin
www.institut-fuer-pilzkrankheiten.de
(4) Dr. Gertraud Kremer, Berlin
www.hautzentrum-berlin.de
(5) www.lifeline.de
(5) www.nagelpilz.ch(5) www.gesundheit-aktuell.de
(5) www2.multimedica.de(6) www.pharma.aventis.de(6) www.galderma.de(6)
www.novartis.de(6) www.bayer.de
(6) www.medsana.ch
(7) www.medikamente-im-test.de (Stiftung Warentest)http://www.stiftung-warentest.de/medikamente/p,selbstmedikation/k,haut/g,pilz/i,nagelpilz.html
Literatur:
Vorbeugen und Nachbehandlen von Nagelpilzinfektionen
Susanne Ahrndt in: Podologie 7/2005
Topische Therapie mit Antimkotika
Susanne Ahrndt in: Podologie 7/2005
Onychimykosen erkennen und behandeln
Ingo Hansen in: Podologie 6/2005
Onychomykosen
D. Reinel in: Hautarzt. Februar 2004
Sport und Mykosen
Hans-Jürgen Tietz und Horst Ulbricht
Schlütersche Hannover, 2003, 1. Auflage
(8) Die vergessene Generation - Kriegskinder brechen ihr Schweigen; S.
Bode Klett-Cotta Stuttgart 2004
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